Kategorie-Archiv: Rezensionen

Wörterspuren, Hirnstrukturen

In Verena Stauffers erstem Gedichtband begegnet uns auf dem engen Raum von nicht einmal vierzig Seiten eine erstaunliche Bandbreite verschiedener Stile, die doch sämtlich einen der Autorin eigentümlichen Stempel aufgeprägt haben. Das ist allemal kein Zeichen dafür, daß sie womöglich „ihren Ton noch nicht gefunden habe“, wie die etwas unkritische Formel in den Feuilletons für eine solche Stildivergenz meist lautet, sondern ein deutlicher Beleg für eine pluralistische Auffassung von Lyrik, die es nämlich gestattet, mit der Vielfalt sinn- und lustvoll zu spielen. Denn Oberflächenmerkmale wie Groß- oder Kleinschreibung von Substantiven, syntaktische Kohärenz oder Auflösung, traditionelle Reime oder Klangexperimente sind letztlich nur unterschiedliche Herangehensweisen, die hier auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden werden. [ … weiter auf fixpoetry]

Jürgen Brocan, FIXPOETRY

Vorwort zu einer Lesung

In unserer ernüchterten Zeit stehen Gedichte einsam da. Es ist sinnlos zu betonen, dass es da einige gibt, die sich für die Dichtung interessieren und sogar zu Lesungen gehen, um die Gedichte in ihrer eigenen und einzigartigen Stimme zu hören. In der großen Ernüchterung und ihrem Abschneiden des Pathos, d.h. des Gefühls, Begehrens, Sehnens, haben es Gedichte schwer, wahre Freunde zu finden. Es ist ihnen aber zu wünschen.

Pathos ist immer einzigartig (bleibt zu betonen in Zeiten, in denen das Medium via Hollywood das Gegenteil einzubläuen versucht). Das kommt daher, dass in ihm sich ein einzigartiges Leben befindet; ein Leben, das sich in der Welt wiederzufinden begehrt, das da Spuren findet, in die es die eigene Spurlosigkeit einzuschreiben versucht. Das ist die Intimität des Lebens, die überall da, wo Gedichte zu sprechen anfangen, mit-spricht.

Intimität – oder Innigkeit – ist eine Mitte des Gedicht-Horizonts, die andere ist die Welt. In ihr ereignet sich die Präsenz einer Erfahrung, die sich in der Mitte aller Mitten ereignet. Möglichwerweise kann sie das poetische Herz genannt werden. Es schlägt den Puls der Sprache, die sich als Gedicht im eigenen Rhythmus Stimme gibt. Das Gedicht ist ein kardiales Ereignis, auch heute noch.

Eine sehr kurze Zeile aus den Gedichten von Verena Stauffer lautet:

„ganz in-sein“

Damit ist wenig gesagt, scheint es. Doch ich meine, dass hier die Stimme dieser Gedichte merkwürdig wird. Sie gibt stenographisch an, was sie sagen möchte. Es gibt eine Bewegung hinein, nicht hinein ins Selbst, sondern hinein in die Welt, in die Dinge, d.h. hinein in die Worte, in das Wort. Die Intimität – diese Innigkeit – des „ganz in-sein“ überträgt sich auf Dinge, Weltdinge, spiegelt sich in Allerweltsdingen, die in den Gedichten der Verena Stauffer auftauchen. Das „in-sein“ ist die Be-anspruchung der Dinge. Doch bevor ich davon einige nenne, noch etwas Anderes.

„es geht immer ums einfrieren der körperlich/geistig/räumlichen erlebnisse und wie zerbrechlich alles festgefrorene plötzlich ist und darum geht es auch nicht.“ hat mir Verena Stauffer in einer Improvisation über ihr Dichten einmal geschrieben. Ich möchte das „insein“ mit der plötzlichen Zerbrechlichkeit des Auf- und Eingeschriebenen im Gedicht verbinden. Gewiss eine seltsame Zerbrechlichkeit, wenn sie vom Frost und der Kälte stammt. (Doch Dichtung ist auch immer seltsam.) So in die Zeit der Dinge und des Wortes eingehen zu wollen, dass diese ihre Fragilität fühlbar werden lassen, ist – wie Dichtung eben ist (und ist das nicht verbunden mit jenem Seltsamen?) – ein Risiko.

Zuerst ist das Risiko der Dichtung nicht der Selbstverlust in der Innigkeit – das ist den intimsten und intensivsten Momenten des Dichtens vorbehalten – sondern jenes „und darum geht es auch nicht“, von dem Verena Stauffer vor-sichtig spricht, das ist noch das erste Risiko am Anfang dessen, was man einmal „Wagnis“ genannt hat. Das „ganz in-sein“ hat nämlich eine Richtung, in der es umschlägt zu einem Ort, der sich jenseits des „inseins“ befindet – oder der so im „in-sein“ ist, wie es inniger nicht mehr geht. Was ist das für ein Ort? Vielleicht der Ort der reinen Stimme aller Dichtung? Egal – es ist das, was den Gedichten ihre ganz eigene Sprache gibt, ohne selbst Sprache zu sein. „und darum geht es auch nicht“ – und darum geht es alle Welt, davon lebt alle Welt, ohne dass sie es weiß. Ist es die Allerweltsstimme?

„ein löffel honig“, „tischbein“, „klatschmohn“, „chamäleonschuppe“, „hobbyphilosophen“ – das sind Dinge, die einem in den Gedichten von Verena Stauffer begegnen. Natürlich sind es noch viel mehr, aber wichtig ist, scheint mir, dass es bei dem „in-sein“ um die Erscheinung von Dingen geht (und auch nicht geht), von Allerweltsdingen („tischbein“), die bei näherer Betrachtung, bei Gedicht-Betrachtung, freilich nicht mehr so ganz allerweltsmäßig daherkommen.

Denn was auch zur einzigartigen Stimme der Gedichte der Verena Stauffer gehört, ist -ich möchte sagen – die Unmöglichkeit des „ganz in-seins“, die mit der Möglichkeit dieses „in-seins“ ein absurdes Spiel beginnt. Erinnerung der Negativität im Begehren, das sich zu ereignen begehrt. Das ist wie eine doppelte Bewegung, die sich in den Gedichten nur als eine und d.h. nur im unaussprechbaren Zwischenraum – dieser Irrenanstalt des Sinns – zu erkennen gibt.

Diese Irrenanstalt des Sinnes – könnte das die eigentliche Stimme der Gedichte der Verena Stauffer sein? Natürlich nicht. Zwar ist das „ganz in-sein“ ohne Zweifel der beste Weg, sich im Zwischenraum des Sinns selbst aufs Spiel zu setzen – und so setzt sich die Sprache von Stauffers Gedichten zuweilen in der Tat aufs Spiel, neologistisch, onomatopoetisch, etc. Allerdings ist sie davor bewahrt, in eine Hermetik der Verzweiflung oder/und des Angriffs einzutreten, diese erste und letzte Hermetik des „in-seins“. Die „echsenfratze“ – so heißt es einmal – bleibt „im augenwinkel“. Stauffers Gedichte spinnen eine Art von Netz-Sinn, in dem die Zwischenräume das Ganze nicht zerstören, sondern als der Rhythmus des Textes, der Textur, dazugehören. Die Verbindungen werden nicht gekappt. So finden diese Gedichte auch unmittelbar Erscheinendes, das sich auf der anderen Seite, dem rettenden Ufer befindet:

dich 10 minuten
umarmen siehst aus
wie eine lachst wie
eine frisch gepflückte kirsche
in unseren mündern

Das ist unverkennbar die Stimme eines in aller Klarheit leuchtenden Dinges. Das ist ein „in-sein“, in dem das Gedicht plötzlich seine Einsamkeit aufgibt und zu lächeln beginnt. Dann ist das Gedicht selbst die „frisch gepflückte kirsche / in unseren mündern“. Da feiert es für einen Augenblick und sagt uns damit, was eine Feier ist.

In der Ernüchterung der „echsenfratze“ sind Gedichte einsam. Aber setzen Gedichte nicht Einsamkeit voraus? Vom „in-sein“ dieser Einsamkeit aus gehen die Gedichte auf die Suche nach denen, die ganz Ohr sind, wenn sie ihre Stimme erheben. Auch Verena Stauffers Gedichte sind auf dieser Suche, wie es heißt: „wundlachend im zwischen“.

von Peter Trawny